Entwurzelung & Einsamkeit

Das Gefühl der Entwurzelung, des Alleinseins und der Isolation kannten viele Fremdplatzierte oder Internierte. Auch wenn sie von Menschen umgeben waren, war die Einsamkeit ein ständiger Begleiter. Der Kontakt zur Familie oder zu den Geschwistern war nicht immer möglich, Besuch kam selten. Freundschaften wurden lange bewusst unterbunden.

© Verein Gesichter der Erinnerung, 2022

Weit weg vom eigenen Leben

Durch eine administrative Internierung oder Fremdplatzierung verloren Betroffene ihr familiäres und soziales Umfeld. Die Unterbringung an Orten, die weit weg von zu Hause waren, förderte das Gefühl der Isolation zusätzlich.

Die Trennung vom gewohnten Umfeld und die Unterbringung von Geschwistern an anderen Orten wurden bewusst vollzogen, um deren gegenseitigen Einfluss, der als negativ bewertet wurde, zu unterbinden. Begünstigt wurde diese Praxis lange durch eine eingeschränkte Mobilität: Ein eigenes Auto zu haben, war noch bis vor wenigen Jahren nicht selbstverständlich, Zugreisen waren oft zu teuer. Auch Besuch war rar, und erst allmählich wurde nicht mehr jeder Brief kontrolliert. ...

Immer wieder umplatziert

Nicht selten erlebten Betroffene unterschiedliche Fürsorgemassnahmen unter Zwang und mehrere Umplatzierungen. Diese verstärkten das Gefühl, nirgends willkommen und der Willkür ausgeliefert zu sein.

Kinderkrippe Arbon (TG), 1927; Pflegefamilie Koblenz (D), 1927; St. Iddaheim, Lüttisburg (SG), 1929; Mädchenheim Tannenhof, Zürich, 1936; Psychiatrische Poliklinik, Zürich, 1936; Guter Hirt, Strassburg (F), 1936; Guter Hirt, Altstätten (SG), 1936; Realta, Cazis (GR), 1936; Dienststelle, Fulenbach (SO), 1937; Mädchenheim Tannenhof, Zürich, 1937; Monikaheim in der Hub, Zürich, 1937; Dienststelle, Zürich, 1937; Realta, Cazis (GR), 1937; Bellechasse, Sugiez (FR), 1939; Dienststelle, Oberehrendingen (AG), 1940; Guter Hirt, Lully (FR), 1940; Asyl Belfaux (FR), 1943; Marsens (FR), 1944; Beverin, Cazis (GR), 1944; Realta, Cazis (GR), 1944; Bellechasse, Sugiez (FR), 1944; Dienststelle, Niederlenz (AG), 1945; Bellechasse, Sugiez (FR), 1948

Gründe für Umplatzierungen gab es viele. Einer davon war als unangepasst bewertetes Verhalten, wozu auch Fluchtversuche zählten. Katharina M*. erlebte zwischen 1927 und 1951 insgesamt 24 Platzierungen in Kinderheimen, psychiatrischen Kliniken, «Arbeitserziehungsanstalten», Gefängnissen, bei Pflegeeltern und Dienststellen in der ganzen Schweiz, aber auch in Deutschland und Frankreich. Ihr Vater hatte sie, zusammen mit ihren Geschwistern, nach dem Tod der Mutter in einer Kinderkrippe in Arbon (TG) abgegeben. Der Leiter des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse», Alfred Siegfried, wurde ihr Vormund.

Katharina M.* wurde frĂĽh Mutter und versuchte sich und ihre Kinder alleine durchzuschlagen; bis zur erneuten Internierung. Im Alter von 30 Jahren zog sie zu ihrem Vater und es sind keine weiteren FĂĽrsorgemassnahmen bekannt. Ob sie ihre Kinder, die ihr weggenommen worden waren, wiedersah, bleibt ungewiss.

«Einsamer kann man nicht sein»

Heimweh schmerzt. Die Trennung vom bekannten Umfeld ist schwierig; ganz besonders fĂĽr Kinder und Jugendliche.

© Verein Gesichter der Erinnerung, 2022

Als Kind war Uschi Waser in 20 verschiedenen Heimen und 4 Pflegefamilien untergebracht. Im Alter von 15 Jahren schrieb sie das Gedicht «Mutterliebe». Zu diesem Zeitpunkt war Uschi Waser im Mädchenerziehungsheim «Zum Guten Hirt» in Altstätten (SG) administrativ versorgt.

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